My new blog: PROTOKOLLE ((Poesie & Politik))

Wenn du von neuem begonnen hast zu schreiben, so weil du daran scheiterst, ganz unsichtbar zu sein, dich nicht länger herausziehen kannst, als hättest du mit all dem nichts zu tun. Als könne nicht jeder zu einer Gefahr für den anderen werden. All die sinnlosen, infamen Vergleiche, die immer unverhohlener gezogen werden. Die offensichtliche Zurschaustellung moralischer Überlegenheit, ohne dass man seine triumphalistischen Ambitionen länger verbirgt. In einer Welt, in der es von nun an, nur noch Opfer und ihre Unterdrücker gibt. Was du für dein Leben gehalten hast, das wird dir nun klar, ist in Wirklichkeit der Traum eines anderen. Sich zu erinnern, kann genauso gut bedeuten, sich falsch zu erinnern, Dinge auszublenden, die der persönlichen Identität schmerzhaft oder unbequem sind. Wirklichkeit, die sich gemäß ihrer Interpretation verdichtet. Man entwirft eine kohärente Erzählung, die als Grundlage einer persönlichen Identität dienen mag. Beginnt, Dinge und Zustände zu kompensieren. Was das Leben augenscheinlich erleichtert. Denn in geschlossenen Systemen funktioniert die Wahrheit wunderbar, man erhält auf jede Frage eine Antwort.
Du hast versucht, dich von allem zu trennen. Der Familie, der Arbeit, den Freundschaften, den Dingen um dich herum. Du gehörst nirgendwo hin. Das hast du seit einiger Zeit begriffen oder versuchst du zu begreifen. Es ist ganz einfach, man gibt alles auf. Nicht mehr zurückzublicken, auf jenen, als der man existiert hat. Was man vorher war, ist Geschichte, etwas so Unbedeutendes. Es ist übrigens genau diese Unmöglichkeit, die du anstrebst. Die Hinfälligkeit der eigenen Existenz. Du schreibst (als wäre die Möglichkeit des Schreibens nicht längst erschöpft), um zu ergründen, was im Dunkeln liegt. Um im Schreiben die Spuren dessen, was gesagt und geschrieben wurde, wiederzufinden. Die Vorstellung einer Sprache, eines imaginierten, unvorhergesehenen Ausdrucks, vor dem man nicht zurückweichen darf. Zu Schreiben in einer Art Ausnahmezustand, in dem die Zeit sich mehr und mehr eingrenzt, bevor Körper und Geist zusehends verfallen.
Deine Arbeitsweise ist entschieden teleskopisch. Sie vereint die unterschiedlichen Blickwinkel, die Perspektiven, ohne je eine Position vollständig auszureizen, denn ich denke, so funktioniert das Leben. Du stellst dir zum Beispiel vor, eine Bemerkung Hocquards aufgreifend, dass sich Worte unter der Oberfläche ausbreiten und auf der Oberfläche gewisse Zusammenhänge erzeugen. Der Dichter, ähnlich wie ein Detektiv, wird sich dieser Spuren und Hinweise annehmen und sie untersuchen. Testimony von Reznikoff ist eine grossartige Sammlung solcher Spuren und Verdichtungen.
Bei Chantal Akerman hast du gelesen, wie sehr sie das Buch von Gilles Deleuze und Félix Guattari über Kafka und die kleine Literatur beeindruckt hat. Das sich entziehende Werk, die deterritorialisierte Literatur. Was sie mit ihren Filmen versucht hat zu adaptieren. Und folgerichtig beginnt sie mit dem Schreiben. Einer wenig erhabenen Sprache. Konventionen und herkömmliche Strukturen zu unterlaufen. Aufmerksamkeit, die stets nur ein paar Sekunden aufblinkt und dann wieder verlöscht. Der kreative Prozess begriffen als ein rhizomatisches Erleben, das Durchschreiten eines Baus mit Haupt- und Nebenwegen, auf denen man sich treiben lässt, sucht, sich verliert, entdeckt, rätselt, eine labyrinthische Welt, in der man nach einer grundsätzlichen Bedeutung Ausschau hält. Denn offenkundig ist das Leben die Hölle. In der man nicht so weitermachen kann, als wäre nichts geschehen.
Akermans bevorzugte Einstellung ist die der Frontalachse, die nichts beschreibt oder deutet, sondern die Möglichkeit der Wahrnehmung und Reflexion eröffnet. Eine Person kommt immer frontal auf dich zu.
Ja, das ist es, machen wir es ein wenig komplexer. Denn es gibt eine Hierarchie der Bilder.
Der Friseur, der in Treblinka den Frauen die Haare schneidet, bevor sie in die Gaskammer gehen. Und 30 Jahre später die gleichen Handgriffe in Lanzmanns Shoah wiederholt. Noch später wird Godard diese Szene mit Chaplins jüdischem Friseur aus Der Diktator in Histoire(s) zusammenschneiden.
Man kann keinen Revolution anzetteln, nur weil man mit der Welt unzufrieden ist. Das wäre Tyrannei. Du bist kein Ideologe. Du fürchtest den faulen Frieden nicht weniger als den Krieg. Du benutzt den Kommunismus als Material. Aus diesem Brei von Träumen menschlicher Gedankenbilder, Fetzen sich überlagernder Phantasien. Ein Sehnsuchtsort wie jener in der Rue Saint-Benoît, an dem Marguerite Duras und ihre Freunde Dionys Mascolo oder Robert Antelme eine nahezu unerträgliche Realität, mit dem Traum von etwas ganz Anderem zu verbinden versuchten.
Zweifellos liegt eine gewisse Genugtuung in den Worten derer, die behaupten, Juden, die widerstandslos in die Gaskammern gingen, seien die guten Juden gewesen, während die Juden heute, die neuen Nazis sind. Der schmale Grat zwischen Verleugnung und Verrat. Geleitet von dem Wunsch auf der richtigen Seite zu stehen.
Du kommst immer wieder auf dieselben Dinge zu sprechen. So als würdest du deine Existenz beweisen wollen.
Mahmoud Darwisch fragt in Notre Musique: „Wissen Sie, warum die Welt sich für die Palästinenser interessiert? Weil unser Feind Israel ist.“ Es sind die Täter, die um existieren zu können, auf ihre Opfer angewiesen sind. Die Annäherung an erfahrenes Leid, darf nicht die Wiederholung des selben sein. Chantal Akerman sagt, dass in Frankreich die Leute wollen, dass sie schlecht über Israel redet. Um ein guter Mensch zu sein.
Der Horror liegt nicht in der Überschreitung der menschlichen Verhältnisse (den Bedingungen), nicht im Exzess oder im Nicht-Denken, sondern in den menschlichen Verhältnissen. Weil Geschichte nur gemacht wird, wenn sie sich erzählt, kann es eine Kritik der Geschichte nur geben, wenn erzählt wird, wie Geschichte sich in ihrem Erzählen hervorbringt.
Aber würden wir uns selbst besser verstehen, könnten wir mehr Einfluss auf unser Leben nehmen? Die unendlichen Möglichkeiten, die eine Aktion, ebenso wie ihre Unterlassung, in Gang zu setzen vermag, die Welt zu verändern imstande wäre. Ein Jahr stünde im Zeichen der Anteilnahme, ein anderes im Zeichen des notwendigen Aufbegehrens.
Du suchst in den Texten der anderen immer dich selbst. Du weigerst dich zu dogmatisieren. Man hat keine Stimme, wenn nicht auch die des anderen gehört wird. Im Versuch die Welt um sich herum, durch seine Gewohnheiten, seine Manien zu neutralisieren. Im Grunde weißt du nicht, wie man leben soll. Was man von dir erwartet. Ganz allgemein, welche Aufgabe dem Menschen zukommt. Die Unmöglichkeit des täglichen Lebens.
Chantal Akerman antwortete auf die Frage ihres Produzenten, ob sie Lust habe, einen Film über Israel zu machen, dass sie zuerst Ablehnung verspürte und dies für keine gute Idee hielt, ja sogar, wie sie sagte, als eine unmögliche Idee empfand, geradezu abstossend, fast lähmend. Sie begriff, warum Xavier Carniaux gerade ihr den Vorschlag gemacht hatte, es lag auf der Hand, dachte sie, sie und Israel, aber sie fürchtete, sich die Finger zu verbrennen, weil es bei diesem Thema keine Neutralität geben kann, alles andere vorgetäuscht wäre.
Es ist, als schreibt man gegen die Sprache an. Man stößt sehr leicht an einer Grenze des Sagbaren. Es gibt eine imaginäre Barriere, vor der man aus Angst vor dem Ungewissen, halt macht. Man ahnt, welche Einsamkeit einen dort erwartet.
Denn die Welt muss verändert werden und die veränderte Welt sich verändern. Für mich ist der größte Feind, die moralische, narzistische Gleichgültigkeit. Mir geht es um die Anklage, die etwas aufzeigt und nicht belehrt. Die Sprache, die man verwendet, wächst mit einem, mit den Gedanken, dem Herzen, dem Körper. Sie durchläuft einen Prozess und findet schliesslich ihren Rhythmus. Ich schäme mich einer Bewegung angehört zu haben und blind dafür gewesen zu sein, wie wenig reflektiert sie die Welt betrachtet hat, wie wenig Interesse für Komplexität sie zeigte. Und wie schnell sie bereit war, eine Meinung zu haben, sich auf eine Seite zu schlagen. Diese selbstgefällige Geste. Ich gehöre keiner Klasse an, zumindest definiere ich mich nicht über eine solche Zugehörigkeit. Ich dränge mich nicht auf. Ich spreche für mich selbst und für keine Klasse oder der Selbstgewissheit eines Milieus. Der innere Kampf ist mitunter ebenso unerträglich, wie der Kampf der Menschen untereinander. Die Welt liegt vor deinen Augen. Die Sprache geht soweit, dass sie Dinge erzählt und beschreibt und sie dabei verändert. Vorrausetzung der genauen Erforschung. Der Selbsterforschung. Die Poesie definiert sich nicht in Begriffen des Ästhetik, Prosodie oder einer Schule, sondern als eine Operation, die in einer dialektischen Beziehung sowohl zur Politik als auch zu jeder anderen Form des Denkens steht. In dem Versuch mehrere Geschichten gleichzeitig zu erzählen. Weil keine Geschichte sich unabhängig von den anderen ereignet. Die Gleichzeitigkeit der Ereignisse. Für sich betrachtet ist jede Geschichte bemerkenswert. Aber im Zusammenspiel der Impulse und Schwingungen, erfasst man die extreme Spannung, die zwischen ihnen besteht, auch im Aufzeigen der Gegensätze. Was durch die Sprache erreicht werden kann, nenne ich die poetische Funktion. Ich habe ausschliesslich poetische Absichten. Die Poesie kann als eine formale Erweiterung des Lebens verstanden werden. Eine Lebensform unter vielen. Ich habe keine Lust, ständig das Wahre vom Falschen zu trennen, weil es mir sinnlos erscheint. Ich muss meine Sprache ändern. Das Eingeständnis der Unwissenheit, gegen die falsche Behauptung, den Verrat. Ich möchte so schreiben, wie die Dinge und Zustände mir erscheinen. Bruckstückhaft, ephemer, zerbrechlich, verhüllt. Was ich nicht sagen kann, kann ich schreiben. Es ist fast unmöglich, die Ausrichtung des Schreibens zu kontrollieren. Erstarrt die poetische Form, lässt sich ihr Gerüst umso leichter erkennen. Die Erinnerungen unterdrücken, die beschwörenden Register, dieser allmählich zerfallende Fetisch. Dass ein Mensch, der unfähig zu leben ist, einen Ausweg für sich ausmacht und in die aufgestellte Falle tappt, sich selbst zu ertragen.
Fortsetzung hier: PROTOKOLLE ((POESIE & POLITIK))






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